Emotionale Erschöpfung bei Frauen: Was Arbeit wirklich mit uns macht
Es ist diese Woche passiert. Zweimal.
Ich sitze mit meinem Handy da und denke: Jetzt rufst du deine Freundin an. Das brauchst du gerade. Einfach kurz mal „Hallo“ sagen. Kein grosses Gespräch, kein Update, kein Deep Talk. Einfach hören, wie es ihr geht. Spüren, dass da jemand ist.
Ich wähle.
Sie nimmt ab. Und noch bevor sie richtig etwas sagt, höre ich es. An der Art, wie sie atmet. An diesem leicht gehetzten Ton. Der Körper ist am Telefon. Aber der Rest ist weg.
Sie entschuldigt sich, eher müde: „Barbara, ich bin gerade so ausgelaugt von der Arbeit. Können wir vielleicht nächste Woche telefonieren? Oder in anderthalb Wochen?“
Ihre Stimme klingt, als würde sie durch einen Nebel sprechen. Nicht unhöflich. Aber müde in einer Weise, die keine Diskussion zulässt. Die Art von müde, die sagt: Ich habe nichts mehr. Nicht für dich. Nicht für mich. Für niemanden.

Und in diesem ganz normalen Moment hab ich einen Gedanken in mir.
Was, wenn ich in anderthalb Wochen nicht mehr da bin?
Das klingt dramatisch. Und vielleicht ist es das auch. Aber es ist kein Gedanke aus Panik. Es ist eher eine stille Klarheit.
Ich bin nicht unsterblich. Du nicht. Niemand ist es. Und trotzdem funktioniert unser Leben so, als hätten wir noch unendlich viel Zeit – oder als wäre diese Zeit nicht wichtig.
Ein paar Stunden später rufe ich eine andere gute Freundin an. Anderes Thema. Ähnliche Antwort: „Mir ist gerade alles zu viel. Der Job ist gerade… nächste Woche?“
Und schon wieder sitze ich mit meinem Handy da. Schon wieder höre ich diesen Ton. Schon wieder diese Entfernung.
Diesmal spüre ich es deutlich: Das sind keine einzelnen Absagen. Das ist ein Muster.
Der Job hat sie aufgebraucht. Nicht ihre Faulheit. Nicht mangelnde Zuneigung. Der Job hat ihnen ihre Energie geklaut. Und jetzt haben sie nichts mehr zu geben – nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil der Job ihnen alles genommen hat.
Das ist ein System aus Erwartungen, Leistungsdruck und Daueranspruch, das zwei Frauen, die ich liebe, so weit auffrisst, dass sie nicht einmal mehr die Kraft haben, eine Freundin anzurufen.
Das fühlt sich nicht an wie eine Absage. Es fühlt sich an wie ein Alarm.

Das Muster – ein Déjà-vu
Ich kenne diesen Zustand.
Nicht heute. Aber es gab Jahre, da war ich genauso. Der Job war alles: Projekte, Meetings, Deadlines, der nächste Pitch, das nächste Ziel. Und zu Hause – zu Hause war ich nicht.
Nicht, weil es mir egal war. Meine Tochter ist das Wichtigste auf der Welt. Aber ich war aufgebraucht. Ich erinnere mich an Sonntagnachmittage, an denen ich körperlich zu Hause war, aber mental schon wieder im nächsten Monday Morning Meeting. Ich erinnere mich daran, dass meine Tochter etwas erzählt hat und ich nicht wirklich zugehört habe – nicht, weil ich keine Liebe hatte, sondern weil mein Kopf leer war. Komplett leer.
Damals hätte ich auch gerne gesagt: „Nächste Woche?“ Weil ich nicht da war. Der Job war da. Aber nicht ich.
Und ich war Teil dieses Systems. Ich habe es mitgetragen. Ich habe davon profitiert. Ich habe dafür bezahlt.
Mit Beziehungen. Mit Präsenz. Mit mir.
Ich war auch Teil dieses Systems
Es reicht nicht, dass der Job dir tagsüber alles nimmt. Er nimmt dir auch die Abende, die Wochenenden, die mentale Energie, um überhaupt noch präsent zu sein.
Meine Freundinnen sind nicht „9 bis 5″ weg. Sie sind weg. Der Job sitzt mit ihnen zu Hause – im Kopf, im Körper, in der Angst vor morgen. Er hat ihre Arbeitsstunden. Und er hat ihr Leben.
Das ist normal geworden. Und das ist das Gefährliche daran.
Eine meiner Coaching-Klientinnen erzählte mir letztens von ihrer besten Freundin. Sie kennen sich seit der Grundschule – über 30 Jahre. Und vor kurzem hat die Freundin zu ihr gesagt: „Ich vermisse dich. Du rufst nicht mehr an. Du textest nicht mehr. Du bist nicht mehr da.“
Und meine Klientin wusste genau, dass die Freundin recht hat. Sie sitzt bei diesem Gedanken und weint – nicht aus Liebe, sondern aus Frustration, dass sie nicht weiß, wie sie es ändern soll. Der Job nimmt so viel, dass die Freundschaft langsam verdurstet.
Das Traurige: Beide lieben sich. Aber der Job ist lauter.

Millionen von Frauen, ein Zustand
In dieser Woche bin ich auf Zahlen gestossen, die diesem Gefühl Gewicht geben:
19 Prozent der erwerbstätigen Frauen fühlen sich einsam. 26 Prozent der jungen Frauen zwischen 18 und 29 noch öfter. Und 5,2 Prozent aller Frauen erleiden Burnout.
Das sind Millionen von Frauen. Aber lange bevor der Körper zusammenbricht, sind viele innerlich schon weg. Diese Zahlen erzählen keine individuelle Geschichte – sie erzählen eine kollektive. Sie sagen: Das, was ich bei meinen Freundinnen sehe, ist kein Einzelfall. Es ist ein Zustand.
Wenn eine von fünf Frauen einsam ist, während sie beschäftigt ist. Wenn jede vierte junge Frau sich oft einsam fühlt. Wenn das die Norm ist – dann ist es nicht mehr ein persönliches Problem. Es ist ein systemisches.
Plötzlich fühlt sich diese Woche nicht mehr persönlich an, sondern wie ein Symptom eines grösseren Problems.
Was meine Klientinnen mir erzählen
Ich sehe das auch in meiner Arbeit. Nicht jeden Tag – aber sehr oft.
Frauen erzählen mir, dass sie ihre Schwester vermissen, mit der sie früher so nah waren – dass sie aber so erschöpft sind, dass sie nicht einmal anrufen können. Eine Frau sagte mir: „Ich habe meine Schwester letzte Woche gesehen und hätte weinen können. Aber ich war so leer, dass ich nicht mal das konnte. Ich bin nur herumgesessen wie eine Statue.“
Andere sagen, ihr Partner bemerkt, dass sie nicht mehr präsent sind, und sie wissen, dass er recht hat, aber nicht, wie sie es ändern sollen. Ein Ehemann schrieb mir: „Meine Frau sitzt neben mir auf der Couch, aber sie ist nicht da. Ich fühle mich allein, während ich neben meiner Frau sitze.“ Das ist nicht Lieblosigkeit. Das ist Erschöpfung, die so tief geht, dass sie Liebe nicht mehr ausdrücken kann.
Wieder andere haben Angst, Erwartungen ihrer besten Freundin nicht erfüllen zu können. Eine Freundin schreibt: „Lass uns jede Woche Dienstag telefonieren.“ Und die andere antwortet: „Ich würde es liebend gerne – aber ich schaffe das nicht.“ Das Schuldgefühl, das dabei entsteht, ist fast schlimmer als die Müdigkeit.
Das sind intelligente Frauen. Liebevolle Frauen. Frauen, die ihre Beziehungen wollen.
Aber der Job nimmt ihnen die Kapazität dafür.

Was das bedeutet – für dich – für mich
Es macht mich wütend.
Nicht, weil einzelne Menschen böse sind. Sondern weil es nicht nur Arbeitszeit nimmt – es nimmt auch die Menschen um dich herum. Es nimmt deine Lieben. Es nimmt die Tiefe aus deinen Beziehungen und lässt nur Oberflächlichkeit zurück.
Das passiert nicht dramatisch. Es passiert leise. So leise, dass du es kaum merkst, bis es schon zu spät ist.
Ein grosses Projekt: „Nur drei Monate“, sagst du dir. Dann wird es besser. Dann bin ich wieder da.
Du sagst Nein zu dem Treffen mit deiner besten Freundin. Du sagst Nein zum Familienessen am Wochenende. Du sagst Nein zu dem Konzert, das du so lange geplant hattest. „Nächste Woche“, sagst du. „Nach dem Projekt.“
Nach drei Monaten kommt das nächste Projekt. Aus drei Monaten werden sechs. Aus „nach dem Projekt“ wird „irgendwann“. Und irgendwann fragst du deine Freundin gar nicht mehr, ob ihr euch seht – weil du weisst, dass du wahrscheinlich absagen müsstest.
Also fragt sie auch nicht mehr.
Und ihr seht euch nicht mehr.
Nicht aus bösem Willen. Sondern weil der Job dich aufgebraucht hat. Weil du irgendwann nicht mehr „Nächste Woche“ sagen kannst – du kannst nur noch schweigen.
Ich habe das erlebt. Eine Freundin, die mir jahrelang jeden Freitag geschrieben hat. Und dann irgendwann nicht mehr. Nicht aus bösen Gründen. Sondern weil ihr Job sie so sehr aufgebraucht hat, dass auch die Kraft zu schreiben weg war. Und ich habe aufgehört zu fragen. Aus Respekt. Aus dem Wissen, dass sie einfach nicht kann.
Das ist nicht eine Absage. Das ist der langsame Tod einer Beziehung.
Ein System, das Frauen auffrisst
Es ist nicht, dass Frauen nicht nein sagen können.
Es ist, dass Nein sagen Konsequenzen hat. Du wirst weniger wahrgenommen. Du giltst als nicht belastbar. Nicht als Teamplayer. Du wirst nicht befördert. Du wirst nicht in die wichtigen Meetings eingeladen. Deine Karriere stagniert – oder geht bergab.
Also sagen Frauen ja. Immer ja. Auch wenn sie nein sagen wollen. Auch wenn sie zerfallen.
Bis ja irgendwann nicht mehr möglich ist.
Dann funktionieren sie noch. Sie gehen zur Arbeit. Sie machen ihre Meetings. Sie liefern ihre Projekte ab. Aber sie sind nicht mehr da. Nicht wirklich. Sie sind Hüllen, die funktionieren, aber leer sind.
Ein System, das Frauen aufisst – und sich dann wundert, warum sie so still werden. Warum sie nicht lachen. Warum ihre Augen nicht mehr funkeln. Warum sie sich selbst verloren haben.
Was bleibt
Wenn ich an diese Woche denke, bleibt kein hoffnungsvolles Gefühl.
Es bleibt Trauer. Und Wut.
Trauer darüber, dass das normal ist. Dass wir akzeptieren, dass intelligente, liebevolle, fähige Frauen ihre Leben weggeben – nicht für etwas Sinnvolles, sondern für ein System, das sie auffrisst und ausspuckt.
Wut darüber, dass Frauen ihre besten Beziehungen verlieren – nicht, weil sie lieblos sind, sondern weil ein System sie aufisst. Und niemand sagt, dass das ein Problem ist. Niemand sagt, dass das falsch ist. Stattdessen sagen wir: „Das ist halt so. Das ist der Job. Das ist das Leben.“
Nein. Das ist nicht das Leben. Das ist ein System, das wir stillschweigend akzeptieren.
Und dieser Gedanke wird lauter:
Was, wenn ich in anderthalb Wochen nicht mehr da bin?
Und wir alle so beschäftigt sind, dass wir es nicht merken.

Also, was können wir tun?
Wenn du diesen Text liest und gerade an jemanden denken musstest: Schreib dieser Person jetzt.
Nicht nächste Woche. Nicht, wenn du ausgeruht bist. Jetzt. Kein langes Gespräch. Keine Erklärung. Nur: „Ich hab gerade an dich gedacht. Du fehlst mir.“
Am besten heute. Am besten gleich jetzt.
Und wenn die Person dir antwortet, dass sie zu ausgelaugt ist – dann lies diesen Text selbst noch mal. Und dann frag dich: Was ist ein System, das meine Freundin so auffrisst, dass sie nicht mal mein Interesse empfangen kann?
Das ist die Frage, die bleibt.
Manchmal bedeutet das auch: sichtbar zu machen, was wirklich da draussen passiert.
Du erkennst dich selbst in diesem Text?
Dann geht es dir wie vielen Frauen, die zu mir kommen. Frauen, die ihre Kraft haben – aber der Job hat sie aufgebraucht. Frauen, die ihre Beziehungen wollen – aber nicht wissen, wie sie noch präsent sein sollen.
Es gibt einen Weg raus aus diesem System. Nicht indem du noch effizienter wirst. Sondern indem du wieder präsent wirst – für dich selbst und für die, die du liebst.
Das können wir gemeinsam schauen:
Buche dir ein kostenloses Gespräch mit mir – eine halbe Stunde, in der wir darüber sprechen, was dich aufgebraucht hat und wie du wieder zu dir selbst findest. Keine Vorträge. Keine Tipps-Listen. Nur ehrliche Fragen und echte Antworten.
Oder wenn du noch nicht so weit bist: Höre dir meinen Podcast „Sichtbar. STARK. Unverschämt.“ an. Dort spreche ich regelmässig über die Dinge, die du gerade liest. Mit anderen Frauen, die sich aus diesem System befreit haben.


